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  • Spielen, um die Welt zu erfahren

    17.06.2019

    „Das Neue Testament der Klaviermusik“? Natürlich kennt Igor Levit Hans von Bülows viel strapaziertes Bonmot. Selbst im Munde führen würde er es jedoch wohl eher nicht. Der 32-Jährige – agil, durchtrainiert, unprätentiös, voller Humor – ist so ziemlich das Gegenteil eines gläubigen Schriftdeuters, eines Priesters gar, der in aller Stille die tiefsten Wahrheiten eines heiligen Textes erforscht. Nicht, dass von Bülow Unrecht hätte: Kein anderer Zyklus nach Bachs Wohltemperiertem Klavier fasst ja einen derart universellen musikalischen Reichtum in sich wie diese 32 Sonaten. Nirgendwo sonst lässt sich die kompositorische Entwicklung Beethovens so lückenlos studieren wie anhand genau dieser rund dreißig Jahre umspannenden Werkgruppe. Weder finden sich Wiederholungen bewährter Muster in ihr, noch gibt es schwächere, minder inspirierte Stücke.

    All dessen ist sich Levit bewusst. Sein Zugang ist jedoch ein anderer:

    „Natürlich übe ich wie bekloppt, ich versenke mich in den Text, versuche ihn immer besser zu verstehen. Aber das Entscheidende geschieht da draußen, zusammen mit den Menschen im Saal. Das sind Stücke, bei denen sich so unglaublich viel auf engstem Raum ereignet; genau das entspricht mir. Das Leben ist so reich, und ich bekomme so wenig davon mit! Die unglaubliche Kompression dieser Sonaten, ihre schiere Ereignisdichte gibt mir ein Gefühl von Teilhabe. Beethoven bietet mir Gelegenheit zu einem aufregenden Spiel. Ich bin niemals nur ‚Ausführender‘. Nein, ich spiele: mit dem Publikum, mit dem Stück und mit mir selbst.“

    Überflüssig zu sagen, dass es kein leichtfertiges Spiel ist, das Igor Levit da treibt. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, hat Schiller gesagt. Jedes Rezital gibt dem Dichter recht: Wer Levit mit Beethoven hört, fühlt sich bei der Hand genommen, glaubt sich bestimmt und doch überaus freundlich geführt auf Erkundungsgängen durch ein sehr dicht bebautes Terrain. An jeder Wegbiegung fesselt eine unerwartete Attraktion, alles ist da in seiner Innigkeit, Größe, dem tiefen, ethischen Ernst. Und wirkt dennoch nah, zugänglich, vollkommen gegenwärtig. Beethoven gibt sich so direkt, so spontan und physisch wie das Leben selbst. Aber eben auch so existenziell und unbequem, wie die Dinge, die über unser Glück und unsere Sorgen bestimmen. Das kann durchaus auch mal ins Verstörende, Abgründige umkippen, wie Jürgen Kesting im Sommer 2018, nach einem umjubelten Konzert bei den Salzburger Festspielen, mit Blick aufs Finale der Hammerklaviersonate beobachtete. „Levit hat diese Fuge als scheußlich und aggressiv, böse, triumphierend und total zerstörerisch bezeichnet, und hier, an diesem denkwürdigen Abend, zeigt er spielend, dass seine Worte eine Untertreibung waren“, schrieb der Kritiker bewundernd in der FAZ.

    Zugegeben, es gibt Pianisten, die sich mehr Zeit lassen, bis sie sich die 32 Sonaten im Ganzen vornehmen – András Schiff etwa sprach lange von dem allzu großen „Anzug“, in den er erst „hineinwachsen“ wollte. Mit Anfang dreißig ist Levit zweifellos noch sehr jung – und hat doch hat schon mehrere Durchläufe in wichtigen Musikzentren bravourös gemeistert; ein Stapel glänzender Rezensionen dokumentiert es. Die Veröffentlichung der CD-Gesamteinspielung bei Sony Classical ist für Herbst 2019 geplant. Levits intensive Beschäftigung mit dem Komponisten reicht ohnehin bis in die Kindheit zurück. Ein Schlüsselerlebnis war einst eine Aufführung der Missa solemnis mit John Eliot Gardiner, die dem 13-Jährigen zum unvergesslichen Erlebnis wurde.

    Einige Jahre später brachte ihm sein Lehrer Karl-Heinz Kämmerling, der große Professor in Hannover, die Diabelli-Variationen nahe. Igor Levit hatte sein Paradestück gefunden – und stieß damit weit die Tür auf in jenen Kosmos, der ihn die kommenden Jahre so intensiv beschäftigen wird. Man muss seine Waldsteinsonate hören, um zu ermessen, welches Privileg die geistige Schnelligkeit des jungen Mannes bedeutet, zumal sie sich mit stupender pianistischer Fitness paart. Nicht minder frappierend der Sinn für formale Proportionen: Levit erreicht jene magische Balance zwischen den sprechenden Details und der Sinnfälligkeit des großen Ganzen, die den Klassiker Beethoven recht eigentlich ausmacht. Ein Vorgeschmack gefällig? Vielleicht das Adagio der Hammerklaviersonate auf der Aufnahme von Anfang 2013. Eine Viertelstunde tiefster Versunkenheit ist da zu erleben. Nirgends auf der Welt könnte man sich geborgener fühlen.

    von Anselm Cybinski

    Der Autor, seit 2018 Intendant der Niedersächsischen Musiktage, verfasst regelmäßig Essays und Einführungen für Konzerthäuser, Festivals und Plattenlabels.

    Alle Infos zum Beethoven-Zyklus von Igor Levit bei ProArte Hamburg

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