Hintergründe

Aus dem Leben eines Konzertflügels

Im Gespräch mit dem D-274

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© Steinway and Sons

Wie lange stehen Sie schon auf der Bühne?
Seit 2017 stehe ich regelmäßig auf dieser Bühne. Mit Künstler:innen zu arbeiten, die mir ebenbürtig sind, macht mir dabei große Freude. 

 

Was haben Sie gemacht, bevor Sie hier tätig waren?
Bevor ich meinen ersten Konzertdienst antrat, wurde ich im Auswahlsaal bei Steinway gezielt für die Elbphilharmonie vorgeschlagen. Ich war natürlich die erste Wahl! Meine Geschichte beginnt jedoch früher. Fast drei Jahre dauerte es, bis ich zu dem vollendeten Meisterwerk herangereift bin, das ich nun mal bin. Viele Arbeitsschritte sind Handarbeit, verlangen höchste Präzision. Ein Konzertflügel meiner Klasse entsteht nicht von heute auf morgen.

Wo sind Sie, wenn Sie mal nicht auf der Bühne stehen?
Wenn ich nicht im Scheinwerferlicht stehe – was bedauerlicherweise vorkommt – bin ich im Lager der Elbphilharmonie zu Hause. Wir sind zu fünft und auch unsere Partnerinnen, die Klavierbänke sind hier. Sobald die Türen geschlossen sind, tauschen wir uns aus, erinnern uns an einzigartige Konzertabende oder besonders virtuose Künstler:innen. Wir sprechen unsere eigene Sprache: Die Menschen hören lediglich das leise Arbeiten des Holzes. Natürlich wird auch mal gelästert. Wer wurde zuletzt gewählt? Wer durfte mit den besten Solist:innen glänzen? Es ist zwar kein Wettbewerb, aber sagen wir so: Manche von uns werden häufiger aus dem Lager gerollt als andere.

Und Sie gehören dazu?
Natürlich! Nach einem solchen Transport brauche ich allerdings dringend unsere Stimmer:innen, um mich wieder in Bestform zu bringen. Sie verstehen meine kleinen Launen, mein Bedürfnis nach Perfektion. Manche nennen es Arroganz. Ich nenne es Qualitätsbewusstsein.

 

Welche Begegnung ist Ihnen in all der Zeit besonders in Erinnerung geblieben?
Ich habe fast alle großen Pianist:innen unserer Zeit kennengelernt. Besondere Begegnungen gab es also viele. Eine Situation ist mir dennoch besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Pianist – er bleibt natürlich anonym, Diskretion gehört zu meinem Job! – wünschte, dass meine Hämmer ganz nah an den Saiten platziert werden. Sehr ungewöhnlich. Klavierstimmer:innen können uns also sehr individuell anpassen, so dass Künstler:innen ihr gesamtes Potenzial entfalten können. Aber unter uns gesagt: Es braucht auch einen Flügel, der dieses Potenzial tragen kann.

Wie lange werden Sie noch im Rampenlicht stehen?
Ein Konzertflügel steht im Durchschnitt etwa zehn Jahre auf der großen Bühne, weitere zehn Jahre auf kleineren Bühnen. Meine Zeit ist also noch nicht vorbei. Und ich klinge, wenn ich das anmerken darf, immer noch fantastisch! 

 

Und dann?
Wenn die besten Jahre vorüber sind, beginnt ein neuer Abschnitt: Zunächst steht man in Proberäumen und bleibt somit ein wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses. Danach ziehen wir oft in kleinere Hallen und dürfen auch dort weiterklingen. Jede Phase hat ihren eigenen Wert. Größe zeigt sich schließlich nicht nur im Saal, sondern vor allem im Charakter. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

  • Steckbrief D-274