Hintergründe

Gershwin meets Kendrick Lamar

Das Saxofonquartett Kebyart bei ProArte X

Kebyart © Igor Studio
© Igor Studio
Digitales Programmheft

Kebyart

Donnerstag, 5. Februar 2026 | 19:30 | Elbphilharmonie, Kleiner Saal

Programm

Steve Reich (*1936) 
New York Counterpoint
(Spieldauer ca. 10 Minuten)
I. Fast
II. Slow
III. Fast


Caroline Shaw (*1982)
Entr’acte
Arrangement: Xabier Casal Ares, Fukio Quartet
(Spieldauer ca. 11 Minuten)

 

Johann Sebastian Bach (1685–1750) 
Allein Gott in der Höh sei Ehr BWV 662
Arrangement: Kebyart
(Spieldauer ca. 7 Minuten)

 

William Albright (*1944) 
I. A Real Nice Number
II. Pypes
V. Harmonium (Heiliger Dankgesang)
VI. They Only Come Out at Night
aus: Fantasy Etudes for Sax Quartet
(Spieldauer ca. 20 Minuten)

 

Dani López Pradas (*1994) 
Echoing Rhapsodies – Homage to Gershwin
(Spieldauer ca. 10 Minuten)

Besetzung

Kebyart

Pere Méndez Sopransaxofon
Víctor Serra Altsaxofon
Robert Seara Tenorsaxofon
Daniel Miguel Baritonsaxofon

 

Moderation: Charlotte Oelschlegel, NDR Kultur

Kebyart
Kebyart © Igor Studio

Seit seiner Gründung im Jahr 2014 überschreitet das Saxofonquartett Kebyart musikalische Grenzen und hat sich vielleicht genau deshalb einen festen Platz in der klassischen Musikszene gesichert. Von Barcelona über Paris quer durch ganz Europa ist Kebyart bei Festivals und Konzertreihen mit innovativem Anspruch gefragt. So facettenreich hat man das Saxofon bisher noch nicht erlebt. 

 

Wir haben Pere Méndez und Víctor Serra von Kebyart getroffen und mit ihnen über ihr Konzertprogramm gesprochen.

Der Moment, in dem sich eine Blume öffnet
Víctor Serra

Was bedeutet euer Ensemblename? Wie seid ihr auf ihn gekommen?

 

Pere: Unser Name stammt vom Instrument Gamelan Gong Kebyar. Dabei handelt es sich um ein indonesisches Schlaginstrument, das von mehreren Personen gespielt wird. Es wird jedoch als ein einziges Instrument betrachtet. Man muss also ein gemeinsames, sehr synchronisiertes Spiel entwickeln. Man sagt, die Menschen geraten in eine Art Ekstase, wenn sie dieses Instrument hören. Es ist eine Explosion von Farben, von Rhythmen.

 

Víctor: Das balinesische Wort „kebyar“ bedeutet so viel wie „aufplatzen“, etwa der Moment, in dem sich eine Blume öffnet. Als wir in Barcelona unser Ensemble gründeten und einen Namen brauchten, haben wir uns in diese Bedeutung verliebt.

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In unserer Konzertreihe ProArte X gehen wir in die Grenzbereiche der Klassik – Elektro, Pop, Jazz … das „X“ steht für das gewisse Extra, für das Besondere. Was ist bei euch das „X“?

 

Víctor: Ich würde da das Stück von Steve Reich herausgreifen, ein Werk mit Elektronik. Da sind auf dem Podium zwölf Saxofone zu hören – obwohl wir nur zu viert sind. Also mussten wir acht Stimmen vorab aufnehmen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Live und Elektronik. 

In eurem Programm spannt ihr einen Bogen von Bach bis in die Jetztzeit – mit der Homage to Gershwin ist sogar eine Deutsche Erstaufführung dabei. Wie passen die Werke zueinander?

 

Pere: Wir haben für das Programm den Oberbegriff American Counterpoint gefunden. Alle Stücke, die scheinbar nicht sehr miteinander verbunden sind, tragen eine amerikanische Handschrift. So feiern wir 2026 mit den Vereinigten Staaten deren 250-jähriges Jubiläum, das Saxofon ist dort ja ein sehr beliebtes Instrument. Ein Programm mit ausschließlich amerikanischen Komponisten – mit Ausnahme von Bach. Aber Bach war der Meister [Anm. d. Redaktion: für dieses Wort wechselt Pere vom Englischen ins Deutsche] des Kontrapunkts. Er sorgt für eine Art Entspannung in der Mitte des Programms, eine Pause von der amerikanischen Musik.

Von Steve Reich spielt ihr mit New York Counterpoint einen Klassiker der Minimal Music. Habt ihr Steve Reich auch persönlich getroffen? Was würdet ihr gern von ihm wissen?

 

Víctor: Leider haben wir ihn noch nicht getroffen. Und er wird langsam alt, also sollten wir das bald machen. Unsere Frage wäre wahrscheinlich, ob er etwas speziell für uns schreiben könnte. Ich weiß nicht, wie verrückt das wäre, aber wir sind offen für alles.

 

Pere: Und wir möchten ihm auch alles Gute zum Geburtstag wünschen, denn 2026 wird Steve Reich 90 Jahre alt. Deshalb ist dieses Stück auch Teil unseres Programms. Wir wollten ihm irgendwie zum Geburtstag gratulieren.

Caroline Shaw hat Entr’acte eigentlich für Streichquartett geschrieben. Lässt sich das gut aufs Saxofon übertragen?

 

Pere: Ja, wir finden, dass ist eine sehr schöne Bearbeitung. Sie stammt nicht von uns, sondern vom Fukio Saxofonquartett, und sie haben wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Caroline Shaw ist eine der interessantesten Stimmen des 21. Jahrhunderts, und eine der erstaunlichsten, weil sie so lyrisch ist.

William Albrights Fantasy Etudes ist eine der wenigen Kompositionen, die im Original für Saxofonquartett geschrieben sind. Überhaupt hat Albright viel für Holzbläser komponiert, obwohl er selbst Organist war. Gibt es da einen Zusammenhang – Orgel/Saxofon/Holzbläser?

 

Pere: Saxofonquartette und Originalkompositionen dafür gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert. William Albright war, wie Sie sagen, Organist, aber auch Komponist. Seine Fantasy Etudes sind György Ligeti gewidmet und wurden von dessen Klavieretüden inspiriert. Diese Etüden, aber ebenso die Fantasy Etudes, sind eine Welt für sich. Sie reichen von der Imitation von Dudelsäcken und des Harmoniums bis hin zu Anklängen an amerikanische 1970er-Film-Soundtracks, in denen Big Bands die Hauptrolle spielten. Ja, Orgel und Saxofon können manchmal sehr ähnlich klingen. Allerdings können wir viel flexiblere Klänge erzeugen. 

 

Víctor: Die Orgel wird gemeinhin als eine Art Klavier angesehen. Aber eigentlich ist sie ein Blasinstrument. Denn wenn Luft durch die Pfeifen strömt, erzeugt das die Töne. Wie bei einem Saxofon.

Dani López Pradas ist selbst Saxofonist und hat Echoing Rhapsodies für euch komponiert. Auf was dürfen wir uns hier gefasst machen?

 

Víctor: Er hat einen interessanten traditionellen Ansatz, ist dabei aber sehr offen und arbeitet auch viel mit Popkünstlern zusammen. Er hat zugegeben, dass er für uns einige Dinge ausprobiert und viel mit dem Saxofon experimentiert hat. Das war für uns durchaus eine Herausforderung. Es gibt da einige Effekte im Jazz-Stil, wie eben auch bei Gershwin zu seiner Zeit, der klassische, aber vom Jazz beeinflusste Musik machte. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Dani hat versucht, sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn George Gershwin den Rapper Kendrick Lamar getroffen hätte. 

Er stammt auch aus Nordspanien. Wie kommt es, dass so viele tolle Saxofonisten aus Spanien kommen?

 

Pere: Ich glaube, das liegt daran, dass wir eine große Blasorchester-Tradition haben. Das Saxofon ist dafür ein wichtiges und beliebtes Instrument. Es ist ein Instrument, von dem wir als Kinder denken: Wow, das möchte ich spielen. 

Ihr seid alle in Barcelona zuhause. Was verbindet euch bzw. was verbindet ihr mit Hamburg?

 

Pere:  Wir leben zwischen Deutschland und Spanien, wobei Deutschland eins der Länder ist, in denen wir am häufigsten auftreten. Wir haben große Hochachtung vor dem Publikum und den Musikinstitutionen hier. Sie leisten großartige Arbeit. Ja, schon bei der ersten Begegnung spürt man diesen Respekt, den man in vielen anderen Ländern nicht findet. Aber natürlich ist auch Hamburg eine ganz besondere Stadt für uns, weil wir dort Teil der Goette-Familie sind und damit Teil einer tollen Gruppe von Freunden und Mitarbeitern, die unsere Träume möglich machen.

Ihr sagtet zu Beginn, dass Bachs Allein Gott in der Höh sei Ehr der Ruhepol im Programm sei … 

 

PereWir lieben es, Bach zu spielen! Das tun wir schon seit den Anfängen des Quartetts. Er ist so etwas wie unsere Bibel. Und in diesem Programm macht das für uns sehr viel Sinn, da wir immer auf Kontraste und unterschiedliche Ausdrucksformen innerhalb eines Programms abzielen. Mit Bach wollen wir einen Kontrapunkt zu den amerikanischen Komponisten setzen und zudem eine Verbindung zu Deutschland und zum Thema „Kontrapunkt” herstellen. Aus einer einfachen Melodie entwickelt Bach einen vierstimmigen kontrapunktischen Satz, der einfach die schönste Musik ist.