Giorgi Gigashvili und Nikala Zubiashvili bei ProArte X
Serious Music!

Giorgi Gigashvili & Nikala Zubiashvili
Freitag, 6. November 2026 | 19:30 | Elbphilharmonie, Kleiner SaalProgramm
Serious Music!
Franz Liszt (1811–1886)
Ballade Nr. 2 h-Moll S 171
Charles Chaplin (1889–1977)
Smile, aus dem Film Modern Times (1936)
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
III. Scherzo. Allegretto
aus: Klavierquintett g-Moll op. 57
Zviad Bolkvadze (*1981)
Tsutisopeli
Rosalía (*1992)
Berghain
Inola Gurgulia (1929–1977), Sakanela //
Frédéric Chopin (1810–1849), Nocturne Es-Dur op. 9/2
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
I. Allegro
aus: Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll BWV 1052
Viktor Dolidze (1890–1933)
Georgischer Tanz, aus: Keto und Kote
Rusudan Sebiskveradze (*1946), Chumad Gagikvan Mindorshi //
Stevie Wonder (*1950), You and I //
Rusa Morchiladze (*1970), Violets
Maurice Ravel (1875–1937)
Boléro
Sergej Prokofjew (1891–1953)
III. Precipitato
aus: Sonate Nr. 7 B-Dur op. 83
Arrangements (bis auf Liszt): Giorgi Gigashvili, Nikala Zubiashvili
Konzertdauer ca. 80 Minuten, keine Pause
Besetzung
Giorgi Gigashvili Klavier
Nikala Zubiashvili Live Electronics
Moderation: Petra Rieß, NDR Kultur
Jetzt mal ehrlich: Wer kam eigentlich auf die lächerliche Idee, Musik in E und U einzuteilen? Also in ernst zu wertende Musik und Unterhaltungs-Musik? Eine Fehleinschätzung, die unser Verständnis von Musik so nachhaltig beeinflusst hat, dass die einen sich fernhalten aus Sorge, klassische Musik sowieso nicht zu verstehen, während die anderen milde lächelnd auf die herabschauen, die sich in Clubs glücklich der Musik und ihren Gefühlen hingeben.
Musik in Schubladen?
Die 1903 gegründete AFMA, Anstalt für musikalisches Aufführungsrecht, griff zurück auf den lange zuvor von Arthur Schopenhauer eingeführten Begriff der Ernsten Musik. Schopenhauer nutzte diese im Grunde bewundernde Beschreibung für die Werke der Komponisten seiner Zeit, wusste aber nichts von der Gegenspielerin: der Unterhaltung. Die wurde von der AFMA dazuerfunden. Die AFMA berechnete die Aufführungsvergütung von Komponisten nach einem Punktesystem. Ernste Musik bekam immer mehr Punkte ab, einerseits durch Länge und Besetzung der Stücke, ausschlaggebend war aber vor allem der Aufführungsort. Wenn ein Werk in einer Oper oder einer Konzerthalle aufgeführt wurde, war sie Ernste Musik. Wenn sie im Biergarten oder dem Festzelt gespielt wurde, diente sie zur Unterhaltung. Nur zur Unterhaltung, muss man wohl sagen.
Ein Song kann aus nur vier Akkorden bestehen und erreicht trotzdem viele Herzen direkt
Dreizehn Jahre später wurde dann die Genossenschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte, die „alte GEMA“, als Vorgängerin der uns heute bekannten Organisation ins Leben gerufen. Sie konzentrierte sich eher auf U-Musik und machte in ihrem Verteilungsplan keinen Unterschied zu E-Musik. In den Köpfen der meisten Menschen aber blieb der Gegensatz.
Nicht mit mir!
Anders bei Giorgi Gigashvili. Der wuchs in einer zumindest musikalisch völlig wertfreien Umgebung auf. Zuhause stand ein alter Blüthner-Flügel, die Mutter war Pianistin, aus dem Radio schallten wunderschöne georgische Lieder über die Liebe, auf YouTube fand Giorgi Karaoke-Versionen der bekanntesten Pop-Hits, sang dazu, spielte sie irgendwann auf dem Flügel nach, begann, sich selbst zu begleiten. Ein Freund seiner Eltern brachte eine Kopie des Musicalfilms Dreamgirls mit, die sich Giorgi daraufhin mehrmals am Tag reinzog – das war die Geburtsstunde eines sehr, sehr großen Beyoncé-Fans.
Als er elf war, fand er ein Video auf YouTube, in dem Martha Argerich das Klavierkonzert Nr. 3 op. 25 von Sergej Prokojew spielte. Sie trug ein glitzerndes Kleid und strahlte eine Energie und Schönheit aus, die ihn fesselte. Genau so wollte Giorgi auch spielen können.
„The Voice Kids“ und Martha Argerich
Drei Jahre später machte er aber erstmal bei The Voice Kids mit. „An Popmusik mag ich, dass sie direkt ist. Ein Song kann aus nur vier Akkorden bestehen und erreicht trotzdem viele Herzen direkt“. Giorgi erreichte in der Fernseh-Show jedenfalls auch alle Herzen und gewann den Wettbewerb. 2019, im Alter von 18 Jahren, spielte er den nächsten großen Wettbewerb – dieses Mal einen klassischen und Martha Argerich saß in der Jury. Auch hier gewann er, sein großes Idol überreichte ihm den Preis und versprach, ihn fortan zu begleiten.
U oder E? Beides!
Seitdem turnt Giorgi Gigashvili durch die Musikgeschichte, spielt das, was er spannend findet, egal ob klassisch oder nicht. Er hat verstanden, dass er mit Unterhaltungsmusik viele Menschen besser und ohne Umwege erreicht. Aber er schätzt auch die Auseinandersetzung mit klassischen Werken. Die fügen sich nicht so bereitwillig, sperren sich vielleicht im ersten Moment den Kommunikationswegen, die Giorgi zur Verfügung hat. „Beim Spielen klassischer Musik sind die Interpretationsmittel eingeschränkter, aber ich genieße diese Einschränkung, weil sie mich dazu anregt, darüber nachzudenken, was ich verändern und wo ich Grenzen überschreiten kann. Ich halte es für falsch zu glauben, es gäbe kein ernstzunehmendes Genre außer der klassischen Musik. Ich teile Musik nicht in ernstzunehmende und nicht-ernsthafte Genres ein. Jedes Genre ist für mich ernst zu nehmen.“
Das klingt so einleuchtend und mühelos, dass man die Hoffnung hat, Giorgi Gigashvili könnte endlich einer sein, der Crossover wahrhaftig werden lässt. Und diese Hoffnung verstärkt sich nur, wenn man sich durch seine Playlists und Aufnahmen hört. Da ist einfach jemand unaufgeregt authentisch. Jemand, der seine politische Überzeugung nicht versteckt, der Menschen und Musik liebt. Und seine Freiheit. Und deswegen nimmt er sich auch die Freiheit, diesen Konzertabend nur mit Serious Music! zu betiteln. Er nimmt die Musik ernst, die er mit dem Künstler und Multi-Instrumentalisten Nikala Zubiashvili kreiert. Und er wünscht sich nichts mehr, als dass wir sie auch ernst nehmen.

