Hintergründe
Von Fernweh und Reiselust

Eine sinfonische Reise mit den Bamberger Symphonikern

Jakub Hrůša © Petra Klackova
© Petra Klackova

Fernweh zu haben, ist nichts Schlimmes – im Gegenteil, die Reiselust sorgt für frischen Wind, neue Gedanken und am Ende für die Freude auf das Heimkommen. Und während die einen verträumt mit dem Finger über die Landkarte fahren und neue Pläne schmieden, unternimmt Jakub Hrůša in einigen seiner persönlichen Partituren eine „sinfonische Reise“ – ein gedankliches Aufsuchen von Orten, an denen Johannes Brahms und Antonín Dvořák ihre Spuren hinterlassen haben. Beiden Komponisten fühlt sich der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker zutiefst verbunden.

Musikalische Verbindungen

Die Freundschaft zwischen Johannes Brahms und Antonín Dvořák zählt zu den ausnehmend schönen Musikgeschichten, in denen Wertschätzung und Respekt zum guten Ton zählten. Diese Komponistenfreundschaft zu porträtieren, war für Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker eine der Inspirationen, Sinfonien von Brahms und Dvořák gemeinsam neu einzuspielen. Die sinfonischen Werke eines böhmischen und eines deutschen Komponisten zeichnen die Geschichte des Orchesters sehr schön nach: Die Wurzeln der Bamberger Symphoniker liegen im Orchestergraben des Prager Ständetheaters, in dem Mozart seinen Don Giovanni uraufführte. Das Theater und seine nachfolgenden Institutionen bestanden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die Vertreibung verstreute die Musiker in viele Richtungen – die meisten zog es nach Westen. Die erste Stadt auf dem Weg ohne Bombenschäden war Bamberg, ein neues Zuhause war gefunden. Die „Bamberger Tonkünstler“, wie sie sich zuerst nannten, wurden schon bald die Bamberger Symphoniker; ihre typische Klangkultur wird auch heute noch liebevoll gepflegt: Dunkel timbrierte Streicher durchdringen Harmonien bis ins letzte Detail und folgen den melodischen Linien, darüber heben sich fein disponierte Bläser filigran ab – ein unaufdringliches und dabei überzeugendes großes Ganzes.

Bamberger Symphoniker © Andreas Herzau
© Andreas Herzau (aufgenommen mit freundlicher Unterstützung der Bayerischen Schlösserverwaltung und entstanden dank der tatkräftigen Unterstützung durch die Staatsbibliothek Bamberg)

Reisebegleiter: Johannes Brahms …

Auf Jakub Hrůšas Gedankenreise sind die Partituren von Brahms und Dvořák ständige Begleiter und natürlich mehr als die gedruckte Wiedergabe der Orchesterwerke. Über Jahre hinweg notierte er hierin seine Gedanken zu diesen Wunderwerken; kein Wunder also, dass sie auf der Fahrt als Lektüre und musikalische Reiseführer gleichzeitig dienen. Die Reise beginnt in Meiningen, eine gemütliche Zugfahrt nördlich von Bamberg gelegen. Das ehemalige fränkische Königsgut galt zu Lebzeiten von Johannes Brahms als Brennpunkt der europäischen Orchesterkultur. Den guten Ruf hatte die Meininger Hofkapelle Hans von Bülow zu verdanken, der ab 1880 für Spitzenleistungen sorgte und sich um die Zusammenarbeit mit namhaften Dirigenten bemühte. Am 25. Oktober 1885 dirigierte Johannes Brahms in Meiningen die Uraufführung seiner vierten und letzten Sinfonie. Vom Bahnhof in Meiningen wäre es für Jakub Hrůša nur ein kurzer Spaziergang durch den kleinen Englischen Garten zum Staatstheater, vormals Herzogliches Hoftheater …

Bei aller Logik und Strenge wusste auch Brahms, dass wir bei der Aufführung die Musik einfach fließen lassen sollen.
Jakub Hrůša

… und Antonín Dvořák

Am Ende der Etappe in Meiningen vielleicht ein kurzer Besuch in einem nahegelegenen Hotel? Die Bamberger Symphoniker haben auf ihrer Einspielung die Vierte von Brahms mit Dvořáks Neunter kombiniert. Beide stehen in e-Moll, kommen aber aus verschiedenen Welten – im Fall von Dvořák „Aus der Neuen Welt“. Mit einem Manhattan, dem amerikanischsten aller Cocktails, in der Hand vertieft sich Jakub Hrůša in die Partitur dieser Sinfonie, die als Geburt der eigenständigen amerikanischen Orchestermusik gefeiert wurde …

Sinfonisches Heimspiel

Jakub Hrůšas Blick schweift weiter, die Strecke führt in wohlvertraute Gefilde – nach Prag. Mit Blick auf die tschechische Heimat greift der Chefdirigent fast instinktiv auch zu einem seiner eigenen sinfonischen Ursprünge zurück und nimmt die Sinfonie aus Dvořáks Feder in die Hand, die er als allererste Partitur überhaupt einstudierte: die Achte. Sie war bei ihrer Uraufführung ein Geschenk an die Böhmen, eine Versöhnung nach der als düster geltenden Siebten. Noch Jahre bevor er die Einladung nach Amerika erhielt, dirigierte Dvořák seine achte Sinfonie erstmals am 2. Februar 1890 im Tschechischen Nationaltheater. Es wurde ein sinfonisches Heimspiel vom Allerfeinsten, die Böhminnen und Böhmen jubelten – sie erkannten sich in dieser Musik wieder, und ebenso wichtig war, dass die Sinfonie auch andernorts gut aufgenommen wurde.

Die achte Sinfonie war für Dvořák ein Wendepunkt in seiner Entwicklung. Erstmals machte er aus Überzeugung etwas ganz anders, als Brahms es je getan hätte.
Jakub Hrůša

Überragende Schönheit

Der Umgang zwischen Brahms und Dvořák war ein herzlicher Ausdruck freundschaftlicher Zuneigung, das lässt sich immer wieder aus Briefen der beiden aneinander und an ihre Freunde und Verleger herauslesen. Wiederum ein paar Jahre vor der Uraufführung von Dvořáks Achter in Prag empfing er in der böhmischen Hauptstadt den Freund Johannes Brahms bei einem Besuch. Der hatte seine soeben fertiggestellte dritte Sinfonie dabei, die Uraufführung war für das Ende des Jahres 1883 in Wien geplant. Und Dvořák war neugierig, wollte unbedingt etwas aus dem neuen Opus des verehrten Freundes hören. „Welch ein Gemüt und Seele in dem Manne steckt! … Auf meine Bitte, etwas aus seiner neuen Symphonie zu hören, war er sofort bereit und spielte mir den ersten und letzten Satz derselben. Ich sage und übertreibe nicht, dass dieses Werk seine beiden ersten Symphonien überragt; wenn auch nicht vielleicht an Größe und mächtiger Konzeption, so aber gewiss an – Schönheit!“, schrieb Dvořák später.

Heimkehr

Mit der Strecke von Meiningen nach Prag ist Jakub Hrůša zu Hause angekommen – oder besser: an einem der zahlreichen Orte, an denen er lebt. Im Grunde sind Punkte auf der Landkarte ja nur der fruchtbare Boden, auf dem alles gedeiht. Die Bamberger Symphoniker und ihr Chefdirigent konnten bereits einiges aussäen – noch schöner ist die Ernte dieser ersten gemeinsamen Jahre: Die mehrteilige CD-Reihe mit Sinfonien von Brahms und Dvořák ist nur einer von vielen Meilensteinen, für Mahlers Vierte gab es den Preis der deutschen Schallplattenkritik und für die weltweit erste Einspielung aller Fassungen von Bruckners Vierter wurde ein International Classical Music Award verliehen. 2023 folgten dann mit der Verleihung des OPUS KLASSIK als Dirigent des Jahres und der Ehrung mit dem Kulturpreis Bayern zwei weitere Auszeichnungen für Jakub Hrůša. Diese Erfolge nehmen die Bamberger Symphoniker gerne mit ins Gepäck, wenn sie eine ihrer vielen Tourneen antreten. Jeder neue Ort ist am Ende irgendwo auch ein Heimkommen – denn die Musik ist überall zuhause.

Aufbruch in neue Gefilde

Auch in der ProArte-Saison 2023/24 setzen Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker ihre musikalische Reise mit gleich drei Konzerten in der Elbphilharmonie fort. Diesmal geht es in die Gefilde der großen musikalischen Umwälzungen: Mit Ludwig van Beethoven steht ein wahrer Prometheus der Sinfonie im Mittelpunkt aller Programme – der Mann, der die Tore zur Zukunft der Gattung am Beginn des 19. Jahrhunderts schwungvoll aufstieß. Richard Strauss prägte mit sinfonischen Dichtungen wie Ein Heldenleben eine Gattung mit, die neue Wege für Orchestermusik abseits der „klassischen“ Sinfonie suchte. Und last but not least revolutionierte Igor Strawinsky 100 Jahre nach Beethoven mit Le sacre du printemps unsere Vorstellung davon, wie Musik klingen und was sie erzählen darf. Sie sehen, die Reise wird spannend. Kommen Sie doch mit!

 

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Mittwoch, 24. Januar 2024 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
Bamberger Symphoniker

Beethoven: Sinfonie Nr. 7 | Strawinsky: Le sacre du printemps

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Donnerstag, 25. Januar 2024 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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Beethoven: Sinfonie Nr. 3 | Strauss: Ein Heldenleben

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Freitag, 26. Januar 2024 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 | Beethoven: Sinfonie Nr. 5

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