Wenn Klassik rockt
Folk-Künstlerin Olivia Chaney bei ProArte X

Olivia Chaney
Donnerstag, 11. Juni 2026 | 19:30 | Elbphilharmonie, Kleiner SaalProgramm
Purcell re-imagined
Konzertdauer ca. 80 Minuten, keine Pause
Besetzung
Olivia Chaney guitar, vocals
Chris Vatalaro percussion
Owen Spafford violin, vocals, synths
Liam Byrne viola da gamba
Moderation: Charlotte Oelschlegel, NDR Kultur
Ein wachsender Pulk von Menschen in der Fußgängerzone. Sie sammeln sich um eine junge Frau, die laut und klar singt, sich selbst auf einer Gitarre begleitend. Vor ihr der geöffnete Gitarrenkoffer, darin vereinzelte glänzende Geldstücke. Sie singt ein Liebeslied, ein trauriges. Es geht um eine nicht erwiderte Liebe, kleine Herzenshüpfer auf der einen, abweisende Blicke auf der anderen Seite.
Ein wunderschöner Folk-Song, das Englisch vielleicht ein bisschen altmodisch. Auf jeden Fall eine echte Straßenmusik-Kostbarkeit und eine Darbietung, für die man gern ein paar Münzen in den Koffer wirft. Danach, wenn man den Weg fortsetzt und sich von dem Pulk wieder entfernt, hallt die Melodie noch ein bisschen im Kopf nach.
Was spielst du? Wer bist du? Wollen wir zusammenarbeiten?
Lizenz zum Singen
Straßenmusik gab es schon in der Antike. Ein kleines Trinkgeld gegen Musik, die in dieser Zeit nur so verbreitet werden konnte. Später waren vor allem Rom:nja in Europa für Straßenmusik bekannt. Sie brachten nicht nur die schönen Lieder, sondern auch das Wort „Busking“ auf ihren Reisen entlang der Mittelmeerküste nach Spanien, zum Atlantik und dann weiter nach Norden nach England. 1860 tauchte dieser Begriff, der sich vom spanischen „buscar“ (deutsch: suchen) ableitet, erstmals im englischen Sprachraum auf.
Jedes Land hat seine eigenen Straßenmusik-Regeln. In Großbritannien muss jeder „busker“ mindestens 14 Jahre alt sein, eine Lizenz erwerben und vorweisen können. Verstärker und Lautsprecher sind nur nach weiterer Genehmigung erlaubt.
Geplatztes Date mit Folgen
Als Olivia Chaney 2007 nach einem geplatzten Date auf einer Afterparty im Londoner Southbank Centre landete, stand ganz in der Nähe ein Straßenmusiker. „Er spielte himmlische Musik. Ich rannte hin und fragte ihn: ‚Was spielst du? Wer bist du? Wollen wir zusammenarbeiten?‘“ Die 1982 in Florenz geborene und in Oxford aufgewachsene Olivia Chaney studierte zu der Zeit Jazzmusik an der Royal Academy of Music. Und der Straßenmusiker war Matthew Ord, heute Professor für Folk-Musik an der Newcastle University.
Damals, vor dem Southbank Centre spielte er Planxty Irwin, ein Stück des irischen Harfenisten Turlough O’Carolan aus dem 17. Jahrhundert. Und er öffnete damit für Olivia die Tür zur Welt des Folk. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Folk-Künstlerinnen Großbritanniens, die sich vor allem für die Ursprünge und die Gemeinsamkeiten von Folk mit klassischer Musik interessiert. Denn wenn man es mal genau nimmt, gab es vor 400 Jahren – als Busker durch Europa zogen und an den Höfen die ersten Ensembles für die oberen Stände spielten – naturgemäß viel deutlichere Ähnlichkeiten als heute.
Das traurige Liebeslied vom Anfang ist ursprünglich dieses hier:
Pop-Hits aus dem 17. Jahrhundert
„Henry Purcell schrieb für Könige und Königinnen, aber er saß auch im Pub und hörte sich Balladen und Volkslieder an“, sagt Olivia Chaney. „Sein Talent für eingängige Melodien, fast wie Pop-Hooks, sorgte dafür, dass seine Lieder direkt in die damalige Straßenkultur Einzug hielten. Mich faszinieren diese Verbindungen sehr.“
In ihrem neuesten Projekt Purcell re-imagined untersucht sie daher genau diese Unmittelbarkeit der Musik, die Freude an der Vertonung von Texten und die furchtlose Mischung von „Hochkultur“ und Straßenmusik.
Henry Purcell galt schon zu Lebzeiten als Genie. Dabei wurde er nur 36 Jahre alt und seine genauen Geburts- und Sterbedaten sind noch nicht mal belegt. Man weiß aber, dass sein Vater und auch sein Onkel, bei dem er nach dem Tod der Eltern aufwuchs, „Gentlemen of the Chapel Royal“ waren und somit zu den besten Musikern am englischen Königshof zählten. Auch Henry wurde Chorknabe in diesem Ensemble und legte damit den Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere. Zuerst war er Komponist für die königlichen Violinen, später dann Orgelstimmer und Organist der Westminster Abbey, dann für die Chapel Royal. Und immer komponierte er: Vokalmusik, Sonaten und Fantasien für Ensemble, Gebrauchsmusik fürs Theater, Oden zur Huldigung, sogar eine Oper.
So vielschichtig seine Musik ist, fast immer findet man in ihr diesen volksliedhaften Charakter, das Einfache, das jeder leicht nachsingen kann. Dieser Abend ist kein Crossover, sondern ein Dialog über die Jahrhunderte hinweg.
Und wer das Gefühl hat, Olivia Chaneys Stimme vor nicht allzu langer Zeit in einem anderen Kontext gehört zu haben: Ihr Song Dark Eyed Sailor wurde in dem kürzlich erschienenen Film „Wuthering Heights“ – Sturmhöhe von Emerald Fennell verwendet.

