Hintergründe
Klaus Mäkelä im Gespräch

„Im Herzen bin ich Cellist.“

Klaus Mäkelä @ Jerome Bonnet & Orchestre de Paris
© Jerome Bonnet & Orchestre de Paris

Klaus Mäkelä zählt aktuell zu den spannendsten Dirigenten weltweit: Mit nicht einmal 30 Jahren ist er Musikdirektor des Oslo Philharmonic und des Orchestre de Paris sowie designierter Chefdirigent des Concertgebouworkest in Amsterdam.

Danke, Klaus, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Von wo sprichst du gerade?

Ich bin in Oslo, wo ich mit dem Oslo Philharmonic probe.

 

Heute ist der 16. Januar 2024. Wie ist es für dich, jetzt schon über die Saison 2024/25 zu sprechen?
Als Dirigent muss man immer sehr weit im Voraus planen. Gerade heute Morgen hatte ich ein Meeting, in dem es um Programme für 2025/26 ging – und eigentlich sollten wir auch schon über 26/27 nachdenken. Gleichzeitig muss man natürlich immer voll und ganz präsent sein beim Dirigieren. 

Was hat es mit den Programmen auf sich, die du für deine
beiden Konzerte bei ProArte zusammengestellt hast?
Insbesondere wenn ich auf Tour gehe, suche ich nach Programmen, die dem Orchester etwas bedeuten. Bei denen es Sinn macht, dass ich sie mit diesem Orchester in einer anderen Stadt, einer anderen Akustik präsentiere. Und bei diesen beiden Programmen ist das absolut der Fall. Zum einen ist da die sechste Sinfonie von Gustav Mahler: Die Wiener Philharmoniker sind eines der ganz wenigen verbliebenen authentischen Mahler-Orchester. Mahler mit diesem Orchester zu machen, ist etwas sehr, sehr Besonderes. Das zweite Programm ist ein französisches – also französisch-russisches. Das kann ich mir mit keinem anderen Orchester vorstellen als mit dem Orchestre de Paris, das diese Musik im Blut hat. Sie fließt durch seine Adern: die Transparenz, der Charakter des Orchesters ist wie gemacht für diese Stücke. 

Die Bilder einer Ausstellung spielt ihr vermutlich in der Orchestrierung von Ravel?
Ja. Das ist wirklich eine wunderbare Mischung des sehr urtümlichen, primitiven Materials des russischen Originals in Kombination mit den unglaublichen Farben, der Transparenz und Brillanz von Ravels Orchestrierung.

 

Also gibt es auch in diesem russischen Stück eine Verbindung zu Frankreich.
Auf jeden Fall. Die Verbindung zwischen russischer und französischer Musik war überhaupt sehr eng in dieser Zeit. Petruschka [uraufgeführt 1911 in Paris, Anm. d. Red.] ist aus den 1910er-Jahren, die Ravel-Orchestrierung der Bilder einer Ausstellung aus den 1920ern. Das war eine besondere Zeit. 

Hast du das Gefühl, dass Strawinsky sich ein französisches Orchester vorgestellt hat, als er Petruschka komponiert hat?
Gerade in Petruschka spielen beide Seiten eine wichtige Rolle. Wenn man zum Beispiel an L’oiseau de feu denkt – das ist eine großartige Kombination der wunderbaren russischen Schule und der Folklore, die zu dieser Zeit eigentlich alle russischen Komponisten inspirierte: Rimsky-Korsakow, Mussorgsky und viele andere. Aber Strawinsky brach irgendwann aus: L’oiseau de feu ist genauso von Debussy, vom Impressionismus beeinflusst wie von der russischen Schule. Und mit Petruschka ist er dann noch einen Schritt weitergegangen. Natürlich ist die russische Folklore hier immer noch sehr, sehr wichtig. Aber gleichzeitig ist da diese Harmonik, die Bitonalität an vielen Stellen, dieser Charakter von etwas komplett Neuem.

Zur Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich ein paar Interviews mit dir angehört und den Eindruck gewonnen, dass es dir sehr wichtig ist, eine Verbindung zu den Orchestern aufzubauen, mehr Partner als Befehlsgeber zu sein.
Nun ja, es fühlt sich wie ein Dialog an, aber das heißt natürlich nicht, dass ich alles akzeptiere, was kommt. Ich möchte das eher als ein respektvolles Zusammen-Musizieren betrachten – als ein Geben und Nehmen von Impulsen. Natürlich muss man eine sehr klare Vorstellung von dem haben, was man erreichen will. Aber damit die Musiker ihr Bestes geben können, müssen sie sich frei und unterstützt fühlen. Das ist mein Job. Denn am Ende ist es zwar meine musikalische Idee, die gespielt wird, aber sie setzen diese Idee um und verbessern sie. Das ist unglaublich wichtig, schließlich würde ich ohne sie nur Löcher in die Luft schlagen.

Du bist ja ein sehr regelmäßiger Gast in der Elbphilharmonie. Hattest du bei deinen Besuchen auch Zeit, Hamburg ein bisschen kennenzulernen?
Ja, absolut. Ich fühle mich sehr zu Hause in der Elbphilharmonie. Ich hatte das Glück, dass ich dort einige kleine Residenzen hatte: Drei Konzerte nacheinander mit Oslo, zwei mit Paris und mit Amsterdam. Dadurch hatte ich immer mehr Zeit als gewöhnlich, um Hamburg zu erkunden. Ich liebe die Kunst und Kultur hier: Die Geschichte von Brahms in Hamburg, Mendelssohn und natürlich Carl Philipp Emanuel Bach. Die Atmosphäre der Stadt, die mich an meine Geburtsstadt Helsinki erinnert. Und dann habe ich natürlich großartige Erinnerungen, weil ich meine erste Leica-Kamera in Hamburg gekauft habe. Ich bin ein begeisterter Amateurfotograf, und das war ein großer Moment für mich. Hamburg ist für mich gefüllt mit großen Momenten.

Wie würde für dich der perfekte freie Tag aussehen?
Als erstes würde ich richtig ausschlafen, denn das kann ich fast nie. Dann ein bisschen Inspiration: ein schönes Museum, ein spannendes Musikstück lesen oder etwas anhören. Dann ein gutes Mittagessen. Ich esse gern gut, das macht mich sehr glücklich. Und dann gebe ich gern ein Konzert. Aber wenn es unbedingt ein freier Tag sein muss, dann würde ich wahrscheinlich etwas Cello üben oder Freunde treffen. Und manchmal, auf Tour, kann man sogar bei Proben zuschauen. Als ich zum Beispiel mit dem Orchestre de Paris im Concertgebouw war, hat gleichzeitig Chailly dort mit dem Concertgebouworkest gearbeitet. Ich hatte den Morgen frei und bin zur Probe gegangen – das war fantastisch! Man kann ja fast nie bei Kollegen in der Probe sitzen. Ich habe so viel gelernt! 

 

Du hast vorhin dein Cello erwähnt: Hast du noch Zeit zum Üben mit deinem vollen Terminkalender als Dirigent?
Ich tue mein Möglichstes.

Und du trittst auch noch als Cellist auf.
Ja. Im Herzen bin ich Cellist. Ich möchte nie aufhören, Cello zu spielen. Und ich weiß, dass ich mehr üben muss, wenn ich Konzerte habe. Aber sogar jetzt ist das Cello da auf der Couch. 

 

Es reist also immer mit?
Ja.


Gibt es ein anderes Instrument, das du gern lernen würdest?
Ich wünschte, ich hätte Klavierspielen gelernt. Meine Mutter ist Klavierlehrerin und als Kind habe ich sie gebeten, es mir beizubringen. Und sie sagte: „Ich habe schon genug schlechte Schüler.“ Also habe ich nie spielen gelernt.

Dienstag, 17. Dezember 2024 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
Wiener Philharmoniker

Klaus Mäkelä

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Mittwoch, 26. Februar 2025 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
Orchestre de Paris

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