Hintergründe
Ohne Pathos, aber mit Substanz

Maurice Ravel – dem Feinmechaniker unter den Komponisten zum 150. Geburtstag

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© Bibliothèque nationale de France
Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der ,Boléro‘; leider enthält er keine Musik.
Maurice Ravel

Dieses Zitat von Maurice Ravel, man findet es in verschiedenen Varianten, ist beinahe so berühmt geworden wie das Werk selbst. Keine Musik? Bei dem omnipräsenten Musikstück schlechthin? Nun, man könnte meinen, hier kokettiert der Komponist. Doch ihm ist es ernst mit seiner Einordnung: Der Boléro ist reine Konzeptmusik, er selbst spricht von einem „Experiment“. Eine durchgängig geschlagene Rührtrommel, 18 Wiederholungen, „das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters“, so Ravel. Ansonsten: „keine Kontraste und praktisch keine Einfälle außer der Gesamtanlage und der Art der Realisierung.“ 

„Schweizer Uhrmacher“

Wer war dieser Maurice Ravel, dessen Geburtstag sich 2025 zum 150. Mal jähren wird? Gern wird er als stilistischer Zwilling seines Kollegen Claude Debussy eingeordnet, die Idee der musiklosen Versuchsanordnung rückt
ihn dagegen ganz nah an Erik Satie. Den bewunderte Ravel, nannte ihn einen echten „Neuerer und Pionier – wenn nicht gar einen Extremisten“. Mit Debussy verbindet ihn, dass beide als die Hauptvertreter des musikalischen
Impressionismus angesehen werden. Bei Ravel ist alles streng und präzise wie der Boléro-Trommelschlag: „Ich verlange nicht, dass man meine Kom-
positionen interpretiert“, sagte er einmal. „Ich erwarte lediglich, dass man sie spielt.“ Da ist es wieder, dieses Understatement, das viel nicht nur über die Stilistik, sondern auch über die Persönlichkeit des Maurice Ravel aussagt. Er war der Sohn eines Schweizer Ingenieurs und eines baskischen „Mannequins“ – ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1966 nennt diese Berufsbezeichnung –, was Ravels nachgerade feinmechanische Kompositionsweise wie auch seine Affinität zur baskisch-spanischen Folklore erklärt. Der „Schweizer Uhrmacher“, wie ihn Igor Strawinsky nannte, konnte jedenfalls so authentisch spanisch kolorieren wie kein Zweiter.

„Musik ohne Sauce“

Zeitgenoss:innen zeichneten von Maurice Ravel das Bild eines Dandys. Immer Junggeselle geblieben (sein Erbe erhielt seine Masseurin), zierlich von Statur, der Vergleich mit einem Eichhörnchen mit „feinen Nagetier-Händen“ ist zu finden. Und er muss sich seine Kindlichkeit bewahrt haben: Tiere, Spieluhren, Nippes, Puppenporzellan umgaben ihn. In seiner Autobiografie betont Maurice Ravel etwa die Simplizität seiner „Fünf Kinderstücke“, wie der Zyklus Ma mère l’oye aus dem Jahr 1908 untertitelt ist: „Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich ganz natürlich dazu geführt, mein Komponieren zu vereinfachen und meinen Stil zu verschlanken“, so Ravel. Das Märchenhaft-Verspielte war seine Welt, aber auch das Verspielt-Mechanische. Dazu passt auch, einmal in die Zeit des französischen Barock zurückzublicken: Seine Suite Le tombeau de Couperin sei eine Hommage „an die gesamte französische Musik des 18. Jahrhunderts“ – ein „Tombeau“ ist eigentlich ein Grabmal, als Gattung aber eine musikalische Verneigung vor den Großen der Zunft. Schreittanzsätze nach barocker Manier, das muss ganz nach Ravels Geschmack gewesen sein.

Vom großen Gefühl jedenfalls schien er nichts wissen zu wollen – das hört man seiner Musik auch an, die nie von einem emotionalen Überfluss getrübt wird. Es ist, so beschrieb es Jean Cocteau: „Musik ohne ‚sauce‘! Das bedeutet: keine Schleier, die Nacktheit der Rhythmen, die Trockenheit der Linie, die Kraft des Einsatzes und die gelehrte Naivität des Tonfalls und der Akkorde.“

Ohne Sauce, aber nicht ohne Würze. Zumindest die beiden Ecksätze des um 1930 entstandenen G-Dur-Klavierkonzerts beschreibt der koreanische Pianist Seong-Jin Cho als „eine sehr stark gewürzte Musik“. Cho wird bei uns in einem reinen Ravel-Klavierabend alle Werke des Komponisten für Klavier solo präsentieren – aber auch das besagte G-Dur-Klavierkonzert ist in dieser Saison zu erleben, gespielt von Beatrice Rana. Es sei, sagte Ravel, ein „Konzert im eigentlichen Sinne des Wortes und geschrieben im Geiste der Konzerte Mozarts und Saint-Saëns’“ – welch eigenwillige Paarung! Aber passend: Das G-Dur-Konzert ist ein Werk voll leichthändiger Brillanz, ohne Pathos, aber mit Substanz. Mit dieser Qualität wurde es zum meistgespielten Klavierkonzert des 20. Jahrhunderts.

Der Jazz ist eine lebendige Inspirationsquelle für alle heutigen Komponisten.
Maurice Ravel

Die beiden gewürzten Ecksätze sind von geradezu maschinengleicher Rasanz. Und sie zeigen Stilelemente des Jazz, den Maurice Ravel kurz zuvor auf einer USA-Tournee kennengelernt hatte. Atemlos wie die Epoche ist auch diese Musik, ein jagendes Treiben ohne Unterlass. Fünf Monate tourte Ravel durch die USA, im Gepäck 20 Pyjamas und 50 pastellfarbene Hemden. Ein Dandy, aber einer mit den Ohren ganz in der neuen Zeit: „Der Jazz“, so prophezeite er, „ist eine lebendige Inspirationsquelle für alle heutigen Komponisten.“

Montag, 02. Dezember 2024 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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