Pianist mit Popstar-Status
Seong-Jin Cho ist der Pianist der Stunde und gleich viermal in Hamburg zu erleben

Wahrscheinlich murmelt Seong-Jin Cho diesen Satz mantraartig auch noch im Schlaf: Nein, ich bin kein Popstar, nein, ein Popstar bin ich nicht! Schließlich muss er Fragen nach seinem Pop-Status bei so gut wie jedem Interview beantworten. Sie bieten sich aber auch einfach zu verführerisch an! Erklomm der Live-Mitschnitt vom Warschauer Chopin-Wettbewerb, den Cho 2015 als erster Koreaner gewonnen hatte, nicht Platz 1 der Pop-Charts seines Heimatlands? Und konnte man nicht in der Zeitung Korea Herald lesen, wie es in der Lobby von Konzerthäusern zugehe bei Cho-Auftritten? So voll, „als ob eine K-Pop-Band auftreten würde“, mit „relativ jungen Frauen in ihren Zwanzigern und Dreißigern“.
„K Classics Generation“
Aber nein, ein Popstar sei er nicht. Nur ein Pianist. Und ein schüchterner dazu, wie der 31-Jährige zugibt. Das K-Pop-Phänomen beschäftigt die Medien ja seit den 2010er-Jahren regelmäßig, also die tanzenden und singenden Casting-Bands mit Millionenpublikum in Asien und weit darüber hinaus. Doch mindestens so lange gibt es die „K Classics Generation“ – mit einer Dokumentation desselben Titels hat ein belgischer Filmemacher die nicht zu übersehende Tatsache ins Rampenlicht geholt, dass aktuell klassische Musik in Südkorea von eminenter Bedeutung ist und Koreaner:innen auch in Europa mehr und mehr den Ton angeben. Gerade bei wichtigen Wettbewerben sind sie immer ganz vorne dabei, was den Pianisten Seong-Jin Cho nicht überraschen kann. „Die Atmosphäre war sehr wettbewerbsorientiert“, sagt er, an seine Ausbildung zurückdenkend. „Es gab unglaublich viele Musiker, die erfolgreich sein wollten. Ich habe die Hochschule der Künste in Seoul besucht, wo in meinem Jahrgang ungefähr 50 Pianistinnen und Pianisten studierten.“ An deutschen Musikhochschulen machen koreanische Musiker:innen übrigens längst den größten Anteil an internationalen Studierenden aus.
Dass Pianist:innen aus Korea nur technisch brillant ihr Handwerk beherrschen, ist sicher ein Klischee. Dass aber einer wie Seong-Jin Cho von keinem Geringeren als Sir Simon Rattle attestiert bekommt, der „Poet am Klavier“ schlechthin zu sein, hebt ihn dann doch in den Rang einer Ausnahmeerscheinung. Diesen sensibel-poetischen Ton, diesen ganz individuellen Klang an den Tasten musste er sich erarbeiten, in Seoul konnte man ihm all das nicht beibringen. Technisch habe er ja „praktisch alles beherrscht“, als er nach Europa umzog, sagt der heutige Wahlberliner. Aber er musste erst lernen, dass Makellosigkeit kein Wert an sich ist. Vielmehr, dass Fehler zur Kunst dazugehörten und Kunst keine Fehlervermeidung sei, sondern ein Fluss von Emotionen.
Ich glaube nicht, dass ausdrucksstarke Gesten letztendlich den Klang beeinflussen.
Wobei diese Emotionen bei Seong-Jin Cho zumindest optisch nicht auf einem Silbertablett präsentiert werden – da ist der Koreaner wesentlich introvertierter oder nüchterner als etwa sein chinesischer Kollege Lang Lang. Keine große Geste, keine sichtbare Versenkung, seine Haltung am Klavier ist immer entspannt und fokussiert, ja man könnte sagen: sachdienlich. „Egal wie traurig ein Stück ist, ich kann keine Tränen hervorbringen“, weiß er selbst. Bild und Ton sind völlig getrennte Welten bei ihm, ganz bewusst, denn er sagt: „Ich glaube nicht, dass ausdrucksstarke Gesten letztendlich den Klang beeinflussen.“
Der Druck war so enorm, dass ich sogar im Traum geübt habe [...]
Vier Konzerte wird Seong-Jin Cho in dieser Saison in Hamburg geben, interessante Programme hat er dafür ausgewählt. Auffällig dabei: Jedes Mal wird mindestens ein Werk von Sergej Prokofjew oder Sergej Rachmaninow zu erleben sein, die beiden Komponisten zählen für ihn zu den absoluten Klassikern. So auch das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow, bei dem er an eine besonders intensive Aufführung zurückdenken kann. Es war im Jahr 2023, er wurde 24 Stunden vor dem Konzert angefragt als Einspringer. „Ehrlich gesagt war es keine zufriedenstellende Vorstellung“, erzählte er einem koranischen Magazin. „Der Druck war so enorm, dass ich sogar im Traum geübt habe, als ich auf dem Flug nach New York kurz eingenickt bin. Ich saß dann auf dem Podium, ohne richtig geprobt zu haben. Als ich ins Hotel zurückkam, fing meine Nase an zu bluten.“
In einem parallelen Universum hätte vielleicht bei Seong-Jin Cho 24 Stunden vor einem Konzert das Telefon geklingelt mit der Anfrage, ob er nicht für ein Prokofjew-Violinkonzert einspringen könnte. Denn das Klavier war nicht von Anfang an sein Trauminstrument. Mit sechs Jahren begann er sowohl mit dem Klavier als auch mit der Geige – „eigentlich habe ich wegen meiner Eltern mit dem Klavierspielen angefangen. In Korea ist es üblich, dass man ein Instrument lernt.“ Und für seinen ersten Wettbewerb war er als Pianist und als Geiger angemeldet. „Ich habe mit beiden Instrumenten teilgenommen und den dritten Preis beim Violinwettbewerb gewonnen“. Im Fach Klavier dagegen ging er leer aus.
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