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Hintergründe

Die besten Orchester

zu Gast bei ProArte

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© Elmar Schnaare

Brückenbauer, Himmelsleitern

Orchester bauen Brücken, damit Großes darüber verkehrt: Etwas, das als Vision in Kopf und Herz des Komponisten begann, gelangt über das Medium einer wiederzugebenden Partitur in Kopf und Herz des Hörers. Ist das nicht wunderbar seltsam? Was nun jene bedeutenden amerikanischen Orchester angeht, die gern Big Five genannt werden (also New York, Boston, Chicago, Pittsburgh und Cleveland), so herrscht von jeher reger transatlantischer Kulturverkehr.

Zum Beispiel kam im Jahr 1892 der Tscheche Antonín Dvořák nach Amerika, wo er eine ziemlich böhmisch tönende Musik schrieb, die dennoch den Beinamen Aus der Neuen Welt erhielt. Es ist eine sinnige List der Musikgeschichte, dass diese berühmte neunte Sinfonie, uraufgeführt vom New York Philharmonic, die Entwicklung einer genuin nordamerikanischen „Klassik“ anstieß. Die Musiksprache, die der Tscheche auf der Suche nach einem eigenen regionalen Klang entwickelt hatte, wurde auch in Fernwest fruchtbar. Böhmen liege am Meer, behauptet Shakespeares Wintermärchen; aber hören wir Dvořák, so erstreckt es sich bis nach Übersee. 

Auf ähnliche Weise setzte sich noch manch andere europäische Geschichte in Nordamerika fort: Gustav Mahler, dessen Musik den Tod so tief zu kennen scheint, zog 1909 über den Atlantik, um unerwartet alsbald zu sterben – zwar wieder daheim in Wien, aber noch immer im Amt des New Yorker Chefdirigenten. Der ruhelose Komponist Sergej Prokofjew konnte in den USA innerlich nicht heimisch werden. Ganz anders sein Kollege Igor Strawinsky, der auch ziemlich geschäftstüchtig war; in Boston fand er nicht zuletzt mit dem dortigen Orchester und dem Dirigenten Serge Koussevitzky ideale Partner fürs Premium-Musikbusiness. Bis heute gehören seine Werke zum Kernrepertoire der Bostoner. Dass der transatlantische Kulturaustausch notfalls auch in absentia möglich war, beweist vielleicht am eindrucksvollsten Prokofjews und Strawinskys Landsmann und jüngerer Zeitgenosse Dmitri Schostakowitsch. Als unfreiwilliger – und immer wieder unter Repressalien leidender – Vorzeigekomponist des Stalinismus ist er wohl der unwahrscheinlichste Kandidat für eine US-Amerikanische Erfolgsgeschichte. Und doch gehören seine Sinfonien nicht nur fest ins Repertoire der amerikanischen Orchester: Die traditionell kraftvoll strahlenden Blechbläser der dortigen Klangkörper scheinen geradezu prädestiniert für die Werke des Russen.

Mit den Namen der großen amerikanischen Orchester verbinden sich manchmal wahre Märchen aus Übersee: etwa, dass der Chefdirigent des Cleveland Symphony Orchestra, Artur Rodziński, in den 1930er-Jahren bei Aufführungen angeblich stets einen geladenen Revolver in der Hosentasche hatte – nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern vor rabiaten Musikern. Als eine kulturelle Eigenheit mag man auch betrachten, dass der Gründer des Boston Symphony Orchestra, ein gewisser Henry Lee Higginson, vierzig Jahre lang als alleiniger Geldgeber geradezu absolutistisch herrschte. Dirigenten wählte er eigenhändig aus, drohte unbotmäßigen Musikern mit Ersetzung durch europäische Fachkräfte und verbot dem Orchester „moderne Musik“ – die spätere enge Verbindung mit Strawinsky hätte es unter Mr Higginson bis 1918 wohl kaum gegeben!

Demgegenüber stehen fortschrittliche Erzählungen, die utopisch und amerikanisch-zupackend zugleich sind. Das Orchester von Cleveland etwa wurde von einer Frau gegründet, der Pianistin Adella Prentiss Hughes, die so zur ersten Impresaria eines großen Orchesters in den USA wurde. Und das Chicago Symphony Orchestra führte nicht nur 1933 als erstes Orchester die Sinfonie einer schwarzen Komponistin auf, nämlich Florence Price, sondern erkannte auch 1941 mit Helen Kotas Hirsch erstmals in ganz Nordamerika einer Frau die Position des ersten Horns zu. Die Überzeugung, dass Diversität Stärke ist, setzt sich auch heute im Programm nordamerikanischer Orchester fort, etwa wenn Cleveland mit der südafrikanischen Sopranistin Golda Schultz tourt, einer der hinreißendsten Mozart- und Strauss-Stimmen unserer Tage. Oder wenn die New Yorker Musik der afrokubanischen Komponistin Tania León im beschwingten Gepäck haben und das Pittsburgh Symphony Orchestra mit den Four Black American Dances von Carlos Simon anreist.

Vor allem aber ist da die Maßstäbe setzende Brillanz dieser Orchester. Von den enormen Qualitäten des Chicago Symphony Orchestra konnten die Hamburger sich auch bei der Eröffnung der Elbphilharmonie überzeugen: Fast auf den Tag genau pünktlich zum 10. Jubiläum des Hauses kehrt das Orchester nun im Januar 2027 zurück. Zum europäisch-amerikanischen Kulturverkehr gehören zudem gemeinsame Chefdirigenten: Der Lette Andris Nelsons leitet sowohl die Bostoner als auch das traditionsreiche Leipziger Gewandhausorchester, der Finne Klaus Mäkelä führt ab der Saison 2027/28 sowohl die Chicagoer als auch das Koninklijk Concertgebouworkest an, das manchem Musikfreund als bestes Orchester der Welt gilt und über eine einzigartige Mahler-Tradition verfügt.

  • Gewandhausorchester
    Montag, 07. Juni 2027 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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    Dienstag, 08. Juni 2027 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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    Mittwoch, 09. Juni 2027 | 20:00 Uhr | Elbphilharmonie, Großer Saal
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Diese Ensembles am selben Ort erleben zu können, macht spannende Vergleiche möglich. Wenn dann noch die Berliner und die Wiener Philharmoniker dabei sind, sind alle Voraussetzungen für ein multilaterales transatlantisches Gipfeltreffen gegeben – nicht des eifernden Wettbewerbs, sondern der musikalischen Exzellenz, des geistigen Austauschs wegen, alles zoll- und grollfrei, echte menschliche Begegnung. Das eine oder andere Mal werden dann vermutlich berückende Brücken zu wahren Himmelsleitern.