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Hintergründe

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“

Frischer Wind für den Konzertbetrieb

Anna Lapwood
© Andy Paradise

Der Konzertsaal galt einst als ein Salon mit offenen Türen. Zu Mozarts Zeiten klirrten Gläser zur Musik, man plauderte, aß, kam und ging. Wer hörte, hörte nebenbei. Im 19. Jahrhundert, mit dem Aufstieg des Bürgertums, erhob man die Musik zum Kulturgut. Das Bedürfnis nach mehr Ernsthaftigkeit in der Kunst wuchs. So wurde das Konzert feierlich und die Stille zur Tugend. Heute steht dieses System unter leiser, aber beständiger Erosion. Lange Zeit verstand sich der klassische Musikbetrieb als Gegenwelt zur schnellen Öffentlichkeit, aber mit dem Aufkommen von Social Media geriet dieses Modell ins Wanken. Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok verändern nicht nur die Verbreitungswege von klassischer Musik, sondern auch ihr Selbstverständnis. Damit geht ein Bedeutungswandel einher: Klassische Musik ist nicht länger ausschließlich Ereignis, sondern Prozess – sichtbar im Üben, Scheitern, Wiederholen, im Blick hinter die Kulissen. Künstlerinnen und Künstler treten nicht nur als Interpreten in Erscheinung, sondern auch als Vermittlerinnen und Vermittler ihrer Arbeit.

Vorreiter: Igor Levit

Als eine Art Vorreiter hierfür gilt Igor Levit. Schon vor, aber vor allem auch während der Corona-Pandemie verlagert der Pianist als einer der ersten klassischen Musiker einen Teil seiner Kunst in digitale Räume: Er überträgt Hauskonzerte per Twitter-Livestream, gibt Einblicke in sein künstlerisches Denken, erklärt und diskutiert Musik auf Social Media und rückt die Klassik damit ein Stück mehr in den Alltag. „Die Konzertsäle sind leer, das Publikum seid ihr alle“, twittert er 2020 und macht damit klar, dass Musik heute immer mehr in Echtzeit stattfindet. Levit selbst betont in Interviews gern, dass er die sozialen Netzwerke nicht nur als Bühne oder Werbefläche, sondern vielmehr als Debattenraum begreift. Als Kommunikationstool, um sich zu äußern und mit dem Publikum in Dialog zu treten. So macht er sich und seine Kunst nahbar.

Nah und ungeschönt: Hilary Hahn

Noch transparenter und persönlicher zeigt sich die amerikanische Geigerin Hilary Hahn schon seit vielen Jahren auf ihrem Instagram-Kanal @violincase: Mit #100daysofpractice löste sie 2017 eine ungeahnte Begeisterung für das Üben aus – 100 Tage lang postete sie jeden Tag ein kurzes Video von sich beim Üben schwieriger Passagen, Griff- und Bogentechniken. Auf Augenhöhe offenbart sie sich den Fans als Musikerin, die Tag für Tag hart an ihrer Virtuosität und ihrer Kunst arbeiten muss – und befreit sich damit selbst von jeglichem Star-Image. Mittlerweile findet man auf ihrem Profil acht „Staffeln“ des Formats, das zahlreiche Profi- und Hobbymusikerinnen und -musiker zu ähnlichen 100-Tage-Herausforderungen animierte. Und auch ihre lange verletzungsbedingte Bühnenpause im Jahr 2025 und die Freude, mit vorsichtigen Schritten wieder zurückkehren zu können, teilt sie ungeschönt mit ihren fast 500.000 Followern. Ein deutlicherer Gegentrend zur Hochglanz-Social-Media-Welt lässt sich wohl kaum setzen.

Orgel goes TikTok: Anna Lapwood

Auch einige junge Klassiktalente, die mit Social Media aufgewachsen sind, pflegen einen komplett natürlichen Umgang damit und setzen voll auf Nahbarkeit: Die britische Organistin Anna Lapwood etwa erreicht mit ihrem viralen Content, ihren #OrganTok-Videos und ihrem sympathischen Stil Zuschauerinnen und Zuschauer einer Generation, die klassischer Musik abseits ihrer Kanäle wohl kaum begegnet wäre. Lapwood zeigt dabei nicht nur großartige Musik, sondern auch die Realität des Musizierens: die imposanten Orgelpfeifen einer Kathedrale, technische Tricks, spontane Improvisationen und humorvolle Einblicke hinter die Kulissen. Der Organistin folgen auf TikTok und Instagram mehrere Millionen Menschen und sie nutzt diese Reichweite, um Barrieren abzubauen und „klassische Musik zugänglich zu machen“. Lapwoods Haltung verdeutlicht, wie Social Media den klassischen Betrieb transformieren: nicht nur als Marketinginstrumente, sondern als Orte des Austauschs und der Identifikation.

YouTube-Star: Hayato Sumino

Ähnlich funktioniert diese Welt auch für den japanischen Pianisten Hayato Sumino. Der junge Künstler kombiniert höchste pianistische Virtuosität mit seinem digitalen Profil Cateen, das auf YouTube über 1,5 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten zählt. Er postet nicht nur Videos zu klassischen Werken, sondern auch zu experimentellen Improvisationen und Themen aus der Popkultur und spannt so einen Bogen zwischen Tradition und Gegenwart. Seine Videos sind kein Ersatz für das Konzerterlebnis – aber sie sind ein neuer Zugang dazu: „Wenn ein Video die musikalische Neugier eines Menschen weckt und ihn dazu bringt, tiefer zuzuhören oder sogar ein Konzert zu besuchen, ist das für mich das beste Ergebnis“, sagt Sumino. Seine Popularität zeigt, wie ein Pianist zugleich Klassikstar und digitaler Storyteller sein kann.

Das Internet und Social Media ersetzen den Konzertsaal nicht – und das ist auch gut so. Aber sie machen ihn durchlässiger. Beides kann nebeneinander existieren und sich sogar gegenseitig befruchten. Die Stille vor dem ersten Ton bleibt kostbar. Doch der Weg dorthin wird vielfältiger und offener. So nähert sich der Klassikbetrieb wieder einem Zustand an, der Mozart vertraut gewesen wäre: Musik als soziale Erfahrung. Und vielleicht liegt genau darin ein gangbarer Weg eines vielfältigen Künstlertums sowie die Chance für eine blühende musikalische Zukunft

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